Gelsenkirchen, Grillostr., Vittinghoff-Siedlung

Gelsenkirchen, Vittinghoff-Siedlung, Fassadenausschnitt mit Balkonen

Gelsenkirchen, Vittinghoff-Siedlung, Ansicht von der Wilhelminenstraße

Gelsenkirchen, Vittinghoff-Siedlung, Blick in den Innenhof

Gelsenkirchen, Vittinghoff-Siedlung, Innenhofansicht

Gelsenkirchen, Vittinghoff-Siedlung, Detail Fassadengestaltung

Gelsenkirchen, Siedlung Vittinghoff, Detail Laubengänge

Vittinghoff-Siedlung

Grillostraße, 45881 Gelsenkirchen

Legende für Merkmale

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denkmalgeschütztes Objekt

1926-28

Moderne

Architekt Alfons Fels

Stadt Gelsenkirchen

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Vittinghoff-Siedlung

Mit dem Bau der Siedlung Vittinghoff hat die Stadt Gelsenkirchen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre einen wegweisenden Entwurf vorgestellt, der sich durchaus mit den vielen Beispielen extravaganter Siedlungen in Berlin messen kann. Dort war der Siedlungsbau längst zum Prestigeprojekt namhafter Architekten geworden, während sich im Ruhrgebiet erst eine neue Bauträgerklientel bilden musste. Schließlich hatten hier viele Jahre lang die Zechenbetreiber für Wohnraum gesorgt. Doch aufgrund einer wirtschaftlichen und strukturellen Krise nach dem Ersten Weltkrieg verlagerte sich die Bautätigkeit fortan in den öffentlichen Bereich. Diese Entwicklung wurde auch von der Weimarer Republik vorangetrieben, die den sozialen Wohnungsbau zur staatlichen Aufgabe erklärt hatte. Hierfür wurden nun vermehrt Genossenschaften gegründet.

Die Gelsenkirchener Siedlung Vittinghoff wurde von der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Mark errichtet. Das Grundstück war zuvor im Besitz des Adelsgeschlechts Vittinghoff gewesen, woraus sich schließlich der Name der Siedlung ergab. Für die Planung und den Entwurf der Siedlung zeichnete der Gelsenkirchener Architekt Alfons Fels verantwortlich. Er verwirklichte hier ein Meisterstück moderner Siedlungsgestaltung. Das Ensemble besteht aus vier L-förmigen Gebäuden, die sich um eine längsrechteckige Grünfläche gruppieren. Die Gebäude der Siedlung sind hell verputzt. Farbige Traufkanten (heute in einem matten Rotbraun) setzen sich davon effektvoll ab und betonen die horizontale Ausrichtung der Gebäude: Balkone, Loggien und Fenster sind allesamt breiter als hoch. Die Fenster waren darüber hinaus durch liegende Sprossen wiederum horizontal gegliedert. Einzig die Treppenhäuser sorgen hier für ein Gegengewicht: markant setzen sie sich von den Wohnbereichen ab, indem sie die Dachhöhe überragen. Dreiteilige Fensterbänder strecken die Treppenhäuser zusätzlich, in deren Erdgeschoss jeweils der Eingang zu den Häusern liegt.

An den Stirnseiten öffnet sich die Anlage mit opulenten Durchgängen zur Grillostraße im Norden und zur Wilhelminenstraße im Süden. Laubengänge legen sich hier wie ein Band um die Erdgeschosswohnungen und leiten zum Innenhof über. Hier zeigt sich bereits der Geist der Entwurfshaltung von Alfons Fels, der in der Siedlung Vittinghoff den Expressionismus ins Neue Bauen überführt: die Ecken der einzelnen Laubengangöffnungen sind als zweifache Treppengiebel gestaltet. Starke optische Kontraste bietet diese Fassade auch in der Anlage der Balkone, die ebenfalls über Eck um die Gebäude geführt werden. Die sichtbaren Kragbalken bilden an den Kanten der Balkonböden eine gezackte Kontur. Es sind diese Details, die den Gebäuden Rhythmus verleihen, bei gleichzeitiger Wahrung von Symmetrie und geraden Linien. Ecken und Kanten an unerwarteter Stelle, Vor- und Rücksprünge sind vorwiegend expressionistische Elemente, die je nach Lichteinfall bizarre Schatten auf die Wände und Böden werfen. Diese immateriellen und wandelbaren Formen waren spätestens seit den eindrücklichen Kulissenentwürfen von Filmen wie "Metropolis" von Fritz Lang oder "Das Kabinett des Dr. Caligari" ein wesentlicher Bestandteil expressionistischer Formensprache. Tatsächlich liegt der Vergleich von Film und Architektur nahe, da sich in beiden Fällen durch Licht- und Schatteneffekte veränderte Raumstrukturen ergeben können. Dadurch werden immer neue Stimmungen erzeugt. Was gerade für das Spiel mit Emotionen im Film unabdingbar war, gewann auch in der Architektur der 1920er Jahre an Bedeutung: die Baukunst der Moderne wurzelte in einem festen Glauben an die Wirkung von gebautem Raum auf den Menschen. Den verheerenden Eindrücken des Ersten Weltkrieges galt es mithilfe von anregenden Formen im täglichen Lebensumfeld, ergo in der Architektur, neue Impulse entgegenzusetzen. In Gelsenkirchen ist dies auf eindrückliche Weise gelungen. Die Siedlung Vittinghoff ist ein architektonisches Gesamtkunstwerk, wie es im Ruhrgebiet selten ist.

Autor: Dr. Viviane Taubert, Dr. Stephan Strauß (Strauß Fischer Historische Bauwerke, Krefeld/Bremen), im Auftrag der LWL-DLBW
Zuletzt geändert am 27.05.2019

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Kategorien:
Architektur » Wohnbauten » Mehrfamilienhäuser/Wohnsiedlungen

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