Blick zum Förderturm der Zeche Zollverein

Zeche Zollverein, Schacht 12 und Kohlenwäsche

Gelsenkirchener Straße 181, 45309 Essen

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denkmalgeschütztes Objekt

1927–1932

Moderne

Architekt Fritz Schupp
Architekt Martin Kremmer

Vereinigte Stahlwerke AG

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Zeche Zollverein, Schacht 12 und Kohlenwäsche

Steinkohle wurde in der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg bereits seit 1848 gefördert. Seit ihrer Gründung durch Franz Haniel gehörte sie zu gehörte zu den in technischer, architektonischer und städtebaulicher Hinsicht Maßstäbe setzenden Zechen des Ruhrgebiets. Ist sie auch ein Ort des Neuen Bauens gewesen?

Diesbezüglich interessieren nur die nach Plänen der Architekten Schupp und Kremmer erbauten Gebäude der Zentralschachtanlage 12 – ein vielgliedriger und zugleich durch ein Achsenkreuz geordneter Komplex aus Kohlenwäsche, Fördergerüst und Schachthalle, Werkstätten und Kesselhaus. Die Zeche war bereits bis zum Ersten Weltkrieg mehrfach durch neue Schachtanlagen erweitert worden. Um die mittlerweile veralteten Anlagen technisch auf den neuesten Stand zu bringen, bildeten die Erben Haniel 1920 eine Interessengemeinschaft mit dem Stahlkonzern Phönix AG für Bergbau und Hüttenbetrieb, die bei Gründung der Vereinigten Stahlwerke AG 1926 in diesen seinerzeit größten europäischen Montankonzern einging. Erst vor dem Hintergrund dieser wirtschaftlichen Konzentrationsvorgänge erklärt sich die auf Zollverein mit enormem Kapitaleinsatz verbundene Zusammenfassung der Kohleförderung auf einer Haupt- und Zentralförderanlage, zu der zentrale Werkstätten, zentrale Aufbereitungsanlagen und ein modernes Kraftwerk gehörten – das alles nach amerikanischem Vorbild weitgehend automatisiert.

Bereits zeitgenössisch wurde argumentiert, dass der Industriebau zur Umsetzung der neuen Architekturauffassungen geradezu prädestiniert sei, weil hier keine überkommenen Traditionen einengend wirkten. Die Wirklichkeit sah anders aus, denn die schiere Größe der Industriebauten stellte ihre Erbauer bereits im 19. Jahrhundert vor entwerferische Probleme. Wollte man die umfangreichen Anlagen städtebaulich oder landschaftlich einbinden, so griff man für die Fassadengestaltung und Baumassengliederung nicht selten auf das Modell großer Schloss- und Burganlagen zurück, wie sich gerade auch anhand des Zechenbaus illustrieren ließe. Insbesondere im Deutschen Werkbund – einem Zusammenschluss von Künstlern, Fabrikanten und Nationalökonomen – wurde nicht nur um eine zeitgemäße industrielle Warenproduktion gerungen, sondern auch um die Form der Industriebauten selbst. Für deren zukünftige Entwicklung wiesen zwei bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Bauten den Weg: zum einen Peter Behrens‘ Berliner AEG-Turbinenhalle von 1908, deren Gelenkbinder-Tragkonstruktion im dicht bebauten Stadtraum zu einer monumentalen Tempelflanke umgedeutet wird, ohne im Detail historisierend gearbeitet zu sein; zum anderen die Fagus-Schuhleistenfabrik in Alfeld an der Leine von Walter Gropius und Adolf Meyer (1911), deren Konstruktion in Stahlbetonbauweise nur mittelbar zu erahnen ist, weil ihr eine Glasfassade vorgehängt ist. Damit waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg zwei sehr unterschiedliche Perspektiven für den zukünftigen Industriebau markiert, der eine monumentalisierend, der andere versachlichend.

Im Ruhrgebiet mit seinen Zechen, Stahlwerken und Flusshäfen führten zahlreiche Industriebauten die vor dem Krieg gesponnenen Fäden fort. Vor allem Behrens‘ monumentalisierender Ansatz wurde in den 1920er Jahren aufgenommen, formal häufig in einen Historismus gekleidet, der weit über die klassischen Reminiszenzen der AEG hinausging. Schupp und Kremmer hingegen bauten monumental, aber nicht historisierend. So erinnert die städtebauliche Anlage der Zentralschachtanlage von Zollverein mit ihren symmetrisch gerahmten Außenräumen zwar sehr abstrahiert an das Bild barocker Schloss- und Stadtanlagen, mit dem Fördergerüst beziehungsweise dem (heute nicht mehr erhaltenen) Schornstein des Kesselhauses als Point de Vue – die Monumentalität kommt hier städtebaulich also immer noch mit einem historischen Bezug daher. Die Gebäude selbst aber werden in ihrer kubischen Einfachheit zu Recht als „sachlich“ – ein Kernbegriff des Neuen Bauens – bezeichnet.

Maßgeblich für die architektonisch klare Wirkung der einzelnen Baukörper war ein neuartiger Umgang mit dem Stahl als Baumaterial. Für das zentrale, bildmächtige Fördergerüst bedienten sich die Architekten nicht mehr der andernorts immer noch üblichen feingliedrigen Fachwerkkonstruktion, wie sie auch auf Zollverein am Fördergerüst Schacht 10 aus dem Jahr 1913 zu sehen ist. Schupp und Kremmer reagierten auf die zeitgenössische Kritik an der unarchitektonischen Körperlosigkeit solcher Eisenkonstruktionen, indem sie das „Gerüst“ zu einer signethaften Förderarchitektur vereinfachten.

Einen neuen Weg beschritten Schupp und Kremmer auch mit ihrer Verwendung des Stahlfachwerks, das im Industriebau bereits weit verbreitet war. Doch anders als beispielsweise bei der Maschinenhalle der Zeche Zollern II/IV in Dortmund (1902/1903, Bruno Möhring und Reinhold Krohn), wo das von außen sichtbare Stahlfachwerk deckungsgleich mit der Stützkonstruktion des Gebäudes ist, trägt das Fachwerk am Schacht 12 nicht einmal sich selbst. Dem kundigen Betrachter muss sogleich auffallen, dass die für den Fachwerkbau so charakteristischen, weil statisch zur Aussteifung notwendigen Diagonalstreben gänzlich fehlen. Auch wäre Misstrauen ob der sehr dünnen Stahlprofile bei einer enormen Gebäudegröße angebracht. Tatsächlich werden die kubischen Gebäude des Schachtes 12 durch innenliegende Rahmenbinder getragen, an denen das rechtwinklige Raster aus zierlichen Doppel-T-Trägern aufgehängt ist. Ausgefacht ist dieses Gerüst mit Ziegeln oder Fensterflächen, die aus normierten Scheiben zusammengesetzt sind, wobei funktionale Ansprüche an die Belichtung im Innern mit ästhetischen Ansprüchen an die meist symmetrische Fassadengestalt übereingebracht werden.

Aber das, was Fachwerke gemeinhin tun, nämlich ein Gebäude als statische Struktur zu konstituieren, findet hier nicht statt. Vielmehr erlauben die zierlichen Stahlträger, das innenliegende Gerüst wie mit einem spartanisch dekorierten Papier einzupacken – daher auch der flächenbündige Einsatz der Fenster, der der Außenwand jegliche Tiefe nimmt. Bestenfalls „repräsentiert“ das Fachwerk die innere Konstruktion der Gebäude, etwa bei den Werkstätten, wo zwei eng gesetzte vertikale Stahlprofile mit Ziegelausfachung die Lage der Stützen im Inneren anzeigen. Folgt hier die Form der Funktion? Man kann sich die ausufernden Diskussionen vorstellen, die die beiden Architekten und ihre Auftraggeber über das Verhältnis von Konstruktion, Material und Bildhaftigkeit geführt haben müssen. Und apropos Bildhaftigkeit: Es ist wortwörtlich eine Frage der Standorte und der Perspektiven, ob die schräg kreuzenden Förderbänder vor den kubischen Hallenbauten fotografisch als Beleg einer konstruktivistischen Baugesinnung herangezogen werden, oder aber, wie dies schon zeitgenössisch der Fall war, die monumentale Ordnung der Anlage durch eine axiale Positionierung der Kamera betont wird.

Autor: Birgit Gropp
Zuletzt geändert am 12.07.2019

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Kategorien:
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